Aus meiner Spielesammlung habe ich mal wieder ein altes Spiel ausgegraben. Dieses Mal ging es mit Medal of Honor: European Assualt in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, um in vier Szenarien für die Alliierten zu kämpfen. Wie spielt sich der Ego-Shooter aus dem Jahre 2005 heute?
Natürlich wäre es vermessen, ein Spiel der vergangenen Konsolengeneration an den heutigen technischen Standards zu messen. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Medal of Honor: European Assault zum Beispiel nicht über zerstörbare Levelarchitektur verfügt. Warum aber viele Texturen sehr grob aussehen und sich Charaktere hölzern bewegen, ist mit den technischen Möglichkeiten von damals nicht zu erklären. Ich erinnere an dieser Stelle kurz an das bereits ein Jahr zuvor erschienene The Chronicles of Riddick: Escape from Butcher Bay, dass auf der Xbox neue grafische Standards setzte. Explosionen wie die eines Panzers sind bei Medal of Honor: European Assault nett anzusehen, aber auch schon das höchste der Gefühle.
Wenn also die Grafik damals schon angestaubt war, bleibt die Frage, wie es um die inneren Werte des Spiels steht. Im Verlauf der Einzelspielerkampagne durchlebt der Spieler in Person von Lieutenant Wiliam Holt mehrere Missionen an vier Brennpunkten des Zweiten Weltkriegs (Frankreich, Nordafrika, Russland und Belgien). Schon bald offenbart sich ein handwerklich gut gemachter Ego-Shooter, dem es mit zunehmender Spieldauer allerdings nicht gelingt, einige Schwächen vor dem Spieler zu verbergen. Dass KI-Kameraden Ihnen bei den Schusswechseln schon mal in die Schusslinie laufen ist da noch das kleinste Übel. Viel störender fällt (bereits auf dem zweiten der vier Schwierigkeitsgrade) die hohe Treffsicherheit der feindlichen Soldaten auf oder aber die Programmiersünde, dass plötzlich vor einem neue Gegner erscheinen. Faires Spieldesign geht anders.
Diese Unzulänglichkeiten fallen im späteren Spielverlauf häufiger auf, was des Öfteren den Bildschirmtod zur Folge hat. Die Mission ist deshalb jedoch noch nicht gescheitert, zumindest so lange Sie noch über Wiederbelebungen verfügen. Genau wie Medipacks erhalten Sie diese für das erfüllen von Aufgaben, wie etwa das Versenken eines deutschen U-Boots oder das zerstören von Flakgeschützen. Die Missionen sind dabei grundsätzlich so gestaltet, dass es ein Primärziel und mehrere, optionale Nebenmissionen zu erfüllen gilt. Wer alles abarbeitet, bekommt am Ende der Mission die bestmögliche Bewertung. Hat man sich in jeder Mission eines Szenarios das Prädikat Gold erarbeitet, wird man mit einem Orden belohnt.
Während den Schusswechseln sollten Sie aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes oft aus der Deckung heraus feuern und über Kimme und Korn zielen. Die Waffen fühlen sich zwar unterschiedlich an, jedoch ist das Trefferfeedback teilweise nicht nachvollziehbar. Mancher Schuss bleibt ohne Wirkung, auch wenn Sie den Gegner korrekt anvisiert haben. Neben den Ego-Shooter-Standards hat Medal of Honor: European Assault noch ein paar kleine Besonderheiten in Petto: Während den Kämpfen dürfen Sie ihren Kameraden einen Punkt im Level zuweisen, zu dem sie sich bewegen sollen. Diese Option ist aber nur selten erforderlich, da die KI-Kameraden Sie auch ohne Ihr Zutun eigenständig durch die Levels begleiten. Eine andere Besonderheit ist das Adrenalin-Feature. Haben Sie genügend Gegner eliminiert, dürfen Sie per Knopfdruck einige Sekunden das Geschehen verlangsamen, um sich einen Vorteil gegenüber ihren Feinden zu verschaffen. Wenn also einmal viele Soldaten auf ihre Position zustürmen, kann dies eine nützliche Hilfe sein.
In vielen Levels treffen Sie zudem auf einen besonders starken Gegner, der mit einem roten Kreuz auf der Minimap verzeichnet ist. Obwohl es sich hierbei auch nur um einen Offizier handelt, halten diese Feinde besonders viele Treffer aus. Zwar ist Medal of Honor: European Assault kein auf Realismus getrimmter Ego-Shooter, jedoch mutet es etwas seltsam an, wenn ein Gegner erst nach mehreren geleerten Magazinen zu Boden geht. Hin und wieder müssen sie auch deutsche Panzer ausschalten. Meistens stehen die Stahlkolosse jedoch einfach nur im Level herum und bewegen sich keinen Zentimeter – das wirkt ein bisschen albern. Wenn Sie dann keinen Raketenwerfer zur Hand haben, bleibt Ihnen nur noch übrig, ein halbes Dutzend Handgranaten unter den Panzer zu schmeißen. Zur Hintergrundgeschichte sei noch erwähnt, dass sie mithilfe von schwarz-weißen Realbildaufnahmen und mit animierten Filmen erzählt wird. Diese Filmchen dienen jedoch ausschließlich dazu, kurz den jeweiligen Schauplatz einzuführen. Frühere Medal of Honor-Spiele, wie etwa Medal of Honor: Underground, haben ihre Geschichte in spannenderen Zwischensequenzen präsentiert.
Fazit: Medal of Honor: European Assault ist zwar ein guter Ego-Shooter, jedoch erscheinen mir viele Aspekte des Spiels als zu routiniert gemacht, dem Spiel fehlt es einfach an Überraschungen. Die Zeitlupenfunktion und das Befehligen von Teamkameraden sind nichts weiter als nette Dreingaben, die man in ähnlicher Form bereits aus anderen Spielen kennt. Die Schusswechsel machen auch heute noch Spaß, in den späteren Szenarien fallen aber die Unausgewogenheit des Schwierigkeitsgrads sowie die nicht immer nachvollziehbare Ballistik der Waffen auf. Für mich ist das Spiel daher eines, das man keineswegs gespielt haben muss.

Verfasst von kanonenfutta 




















